Der Trail-Knatsch bloß ein Märchen?

Ein toller Artikel über das Miteinander am Berg im Blog des Ride-Magazins
Geschrieben vom Herausgeber und Jagdhof-Freund Thomas Giger

Glaubt man den, in regelmässigen Abständen aufgewärmten Medienberichten, so herrscht auf den Singletrails Krieg. Mountainbiker fahren Wanderer über den Haufen, die sich ihrerseits mit Nagelbrettern und gespannten Drähten rächen. Die Realität ist indes eine andere. Konflikte zwischen Wanderern und Mountainbikern gibt es nicht. Bloss Konflikte zwischen Menschen, wie überall sonst auch.

Ich wage die Behauptung, dass meine Wenigkeit überdurchschnittlich viel auf dem Mountainbike unterwegs ist. Und überdurchschnittlich oft auf Singletrails. Also mitten in der scheinbaren Konfliktzone. Die aktuelle Bilanz erlebter Konflikte oder Streitigkeiten in der Saison 2017: ein Wortgefecht. Sonst nichts, im Gegenteil. Ich erlebe den gegenseitigen Umgang auf Singletrails als ausserordentlich entspannt. Ist der Konflikt zwischen Wanderern und Mountainbikern bloss eine aufgebauschte Scheindiskussion? Bestätigen würde dies eine Studie der Schweizer Wanderwege. Diese hat untersucht, woran sich Wanderer stören. Mountainbiker kommen auf Rang vier – mit gleich vielen Nennungen wie Hunde. Vierbeiner stören Wanderer genauso wie Zweiradfahrer. Doch hat es schon je Diskussionen gegeben, Hündelern den Zugang zu den Wanderwegen zu verwehren? Oder eine Initiative, die selbigen zu kanalisieren und auf gewisse Gebiete zu beschränken?

Es ist die Dichte, die zu Streit führt, nicht das Fortbewegungsmittel

Allerdings müssen wir Mountainbiker akzeptieren, dass sich immerhin ein Viertel der Wanderer durch unsere Präsenz gestört fühlt. Das ist eine beträchtliche Menge. Reklamationsanalysen haben ergeben, dass Konflikte primär in hochfrequentierten Zonen auftreten. Also bei Bergbahnen, Parkplätzen, an Uferwegen und dergleichen. Also da, wo sich viele Menschen gleichzeitig aufhalten. Und an solchen Orten geraten sich die Menschen stets in die Haare. Im Stau, im Zug, im Nachtclub, im Stadtverkehr, im Hochhaus oder eben auf dem Singletrail. Es spielt keine Rolle, ob der eine Wanderschuhe trägt oder der andere auf dem Fahrradsattel sitzt – wo sich Menschen zu nahe kommen, gibt es Streit. Es spielt keine Rolle, ob jemand ein Mountainbike fährt, in Bergschuhen wandert, im Anzug ins Büro pendelt, die Kinder zur Schule bringt oder an Ostern in den Süden fährt – ab einer gewissen Menschendichte ist der Knatsch programmiert. Deshalb gibt es den Konflikt zwischen Wanderern und Mountainbikern nicht. Es ist die Dichte, die zu Streit führt, nicht das Fortbewegungsmittel.

Diese Theorie wird übrigens auch durch die erwähnte Studie der Schweizer Wanderwege bestätigt. In dieser kommen als Störfaktor  unmittelbar nach den Hunden und den Mountainbikern die anderen Wanderer. Über zehn Prozent der Rotsocken stören sich ob ihresgleichen.

Eine gute Zeit fängt mit Freundlichkeit an

Der Grund für meine so niedrige Konfliktbilanz in dieser Saison dürfte sein, dass ich dem Dichtestress am Berg aus dem Weg gehe. Ich vermeide die grossen Klassiker genau dann zu fahren, wenn alle anderen auch schon auf der Route unterwegs sind. Ein anderer Grund ist der freundliche Umgang mit den anderen. Ich steige nicht auf Berge, um mich über andere aufzuregen sondern um eine gute Zeit zu erleben. Und eine gute Zeit fängt mit Freundlichkeit an. Denn so wie man in den Wald reinruft, so kommt es auch wieder raus.
 

Download der Studie über die Schweizer Wanderwege

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